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10.9.11 15:19


Fortsetzung des Tagebuchs, April 2010 Teil 2

Tag 258 (15.04.2010) Lhaze – Shigatse Unser Guide taut nun mehr und mehr auf und kommt bei der wohltuenden Nudelsuppe im Teehaus ein wenig ins Plaudern. Chickmi hat trotz seiner jungen Jahre schon eine aufregende Geschichte zu erzaehlen: im Alter von neun Jahren ist er mit seiner Familie ueber die Berge nach Nepal geflohen. Eine Woche lang waren sie nachts unterwegs, tagsueber haben sie sich versteckt. Spaeter ist er illegal wieder nach Tibet eingewandert und hat nun daher keine Papiere und kann nicht reisen oder seine Verwandten in Nepal besuchen. Neun Monate hat er bereits im Gefaengnis zugebracht, weil ihn eine aeltere Dame dazu ueberredet hat, waehrend einer Demonstration einen Stein auf chinesische Soldaten zu werfen*, mit der Begruendung, sie moege die Chinesen nicht, weil sie ihrem Sohn etwas angetan haetten. Auch Chickmi traeumt von der Zeit, wenn Tibet endlich frei sein wird. Allein das Strassennetz** zeigt uns, dass China sich freiwillig nicht mehr von Tibet trennen wird und die Tibeter sich eine solche Trennung schon lange nicht mehr leisten koennen. Wir sind uns mittlerweile sicher, dass die Strassen im Mainland China ein Traum sein muessen und China die Strassenbaunation Nr. 1 ist, wenn in diesem abgelegenen Hochland schon so teuer geteert wird, wo einem fast nur freundlich winkende Bauern auf winzigen Traktoren*** sowie Pferde- und Eselsgespanne entgegenkommen. Wir erfahren: wer sein Haeuschen an der Hauptstrasse baut, wozu Nomaden mit ihrem Zelt nicht unbedingt tendieren, bekommt von der chinesischen Regierung die Haelfte der Baukosten erstattet. Aber – was haben die Roemer schon fuer uns getan? Gut, abgesehen von den Billardtischen.**** Die vielen Yaks hier, die in grossen Arealen weitgehend frei herumlaufen, sind erstaunliche Kletterkuenstler. Man sieht sie sogar in fast senkrechten Steilhaengen grasen. Von weitem haben wir manchmal den Eindruck, die Berge seien von winzigen schwarzen Wollknaeueln uebersaet. Wir wundern uns, wie so viele Rinder satt werden koennen von dem bisschen Gras, das hier oben waechst. Wir sehen auch, wie ueberweidet die Landschaft ist. Das Gras ist ueberall bis auf die Wurzeln abgefressen worden und die Landschaft sieht oft aus wie ein Schweizer Kaese. An manchen Stellen ist das Gras so dermassen abgenagt, dass man das Gefuehl hat, die Yaks wuerden beim Darueberschreiten nur noch Kaubewegungen machen, um nicht als fressfaul aufzufallen. In einem Dorf fragt Chickmi nach einer privaten Uebernachtungsmoeglichkeit, raet uns aber ab, weil die Gastgeber ein wenig abgehobene Preisvorstellungen fuer ihre ‘Villa’ mit Plumpsklo haben. So beschliessen wir spontan, bevor wir laenger darueber nachdenken koennen, bis Shigatse durchzuradeln. Als wir schliesslich ankommen, finden wir uns in einer modernen Grossstadt und koennen kaum glauben, wie unterschiedlich Stadt- und Landleben in Tibet sind. Fuer unser Durchhaltevermoegen an den Pedalen werden wir heute fuerstlich belohnt. Schon die Hotellobby mit unzaehligen Uhren und drei Damen hinter der Rezeption wirkt wei ein Grand Hotel. Der Innenhof, der zu den Zimmern fuehrt, erstrahlt in leicht kitschigem, chinesischen Prunk. Vom geraeumigen Zimmer, in roten Ornamenten gehalten, sind wir geradezu ueberwaeltigt. Wir haben Satellitenfernsehen, Klimaanlage, einen Wasserkocher samt Tee, eine schoene Sitzgruppe und ein koenigliches Bett aus Tropenholz mit bunt bemalten Schnitzereien. Das Bad uebertrifft diese Eindruck noch, alles ist nagelneu und supernobel in Marmor, und die Kroenung des ganzen: eine Dusche, wie man sie in heimischen Baumaerkten als Topmodel vorfindet und es einem vom Blick aufs Preisschild schwindlig wird. Neben einer normalen Dusche kann man Massageduesen aus allen Richtungen zuschalten oder sich von oben beregnen lassen. Ratet mal, was unser Lieblingsspielzeug war. Shigatse hat einen hohen chinesischen Bevoelkerungsanteil, entsprechend mischt sich chinesische unter tibetische Gastronomie und wir goennen uns zur Feier des Tages ein Abendessen in einem feinen chinesischen Lokal. Die Speisekarte zeigt tolle Fotos, bietet aber ebensowenig englische Erklaerungen wie die Bedienungen, die aufgeregt kichernd zu fliehen versuchen. Wen wundert’s, dass unsere gesamte Bestellung aus kalten, ziemlich scharfen Salaten besteht? Aber ohne Fotos haetten wir vermutlich Eisbecher bestellt. Auf den abendlichen Strassen, vorbei am Klicken des Open Air Billard, suchen wir einen Telefonshop auf, um nach Deutschland zu telefonieren, denn unsere Bank hat es nicht geschafft, die Ueberweisung an unseren tibetischen Reiseleiter in die Wege zu leiten. Wir werden barsch abgewiesen. Unglaeubig weisen wir auf die Telefonkabinen, doch der Besitzer winkt nur veraechtlich ab. Ein Dolmetscher muss her! Chickmi, in Einweghotellatschen und bereits im Feierabendmodus, fasst sich ein Herz, marschiert mit und spricht mit dem Ladenbesitzer. Dieser, nun sichtlich verlegen, versucht, eine fadenscheinige Erklaerung auftischen: Neulich haetten vier Italiener telefoniert, ohne zu bezahlen, jetzt sei er skeptisch bei Auslaendern. Erfahrungen wie diese sind uns nicht neu, wenigstens duerfen wir jetzt telefonieren. Freundlicher war man bei der Post, dort durften wir sogar kostenlos faxen, man hat sogar laenger fuer uns offen gelassen. *Anmerkung: Was lehrt uns das? Niemals alten Omis am Strassenrand vertrauen. **Anm.: Die von den Chinesen errichtete Strasse ist fast ausschliesslich durchgehend geteert und nagelneu, breit und massiv und mit Beton eingefasst. ***Anm.: Der tibetische Bauer faehrt grundsaetzlich mit seinem nagelneuen Traktor zum Feld, steigt ab und pfluegt mit dem Yak, das spart Diesel und der Traktor bleibt sauber. ****Anm.: Selbst im kleinsten Drei-Haeuser-Kaff haben die Chinesen Billardtische aufgestellt, die sich grosser Beliebtheit erfreuen, aber, so wurde uns erklaert, natuerlich nur, um die Tibeter bei Laune zu halten. Km: 152 Tag 259 (16.04.2010) Shigatse In Shigatse soll es ein grosses, sehenswertes tibetisches Kloster geben. Also tun wir Guide und Fahrer den Gefallen, machen einfach mal ganz auf Pauschaltourist und lassen uns mit dem Kleinbus hinfahren. Das tibetische Volk scheint aeusserst fromm und religioes zu sein, der Glaube ist keine Nebensache sondern wird hier eifrig praktiziert. Ganze Heerscharen pilgern hierher zum Beten. Beeindruckend im Innern der Kapellen ist die kuenstlerische Qualitaet der Statuen Buddhas und seiner Anhaenger. Buddha ist stets dreifach dargestellt, als Past-, Present- und Future Buddha. Nach 4000 Jahren werde der Present zum Past, der Future zum Present Buddha und es gibt einen neuen Future Buddha. Schichtwechsel sozusagen. Die Frage, warum es schon einen Past Buddha gibt, wo Buddha doch vor gut 2600 Jahren gelebt hat, waere vermutlich kleinlich. Wer im Buddhismus eine asketische, auf rein geistige Erleuchtung sinnende, alles materielle ablehnende Lehre sieht, gegruendet von einem Mann, der explizit kein Gott sein wollte, sollte nach Tibet kommen um zu staunen und zu lernen. Es scheint eine Million und 17 Besonderheiten, Anekdoten und Veraestelungen zu geben, und selbst Moenche wissen, so sagt man uns, oft nur einen Bruchteil des ganzen. Aber ist es nicht in der katholischen Kirche aehnlch, wenn man an die Heiligenverehrung denkt, die auch die Grundlehre ins unueberschaubare erweitert? Buddha ist doch irgendwie Gott (wider Willen?), er herrscht ueber Himmel und Hoelle (kommt uns auch irgendwie bekannt vor). Ein spezieller Buddha ist fuer gute Geschaefte und finanziellen Wohlstand zustaendig, dort, wo er abgebildet ist, ist die Wand besonders abgewetzt. Die Moenche leben auch nicht in voelliger Askese, es scheint, sie streben ihrem Vorbild nach, was die koerperliche Statur betrifft, denn viele sind wohlbeleibt und trotz roter Robe machen oftmals schwere goldene Uhren, moderne Handies und teure Schuhe den Kontakt zum weltlichen Dasein leichter. Zahlreiche Gebetsbuecher werden im Kloster aufbewahrt, allesamt Unikate und exklusiv dem Klerus zugaenglich. Die Moenche machen aber Hausbesuche, um den interessierten Glaeubigen daraus vorzulesen, speziell bei besonderen Anlaessen, gegen entsprechendes Honorar. Wie alle grossen Religionen bestreitet auch der tibetische Buddhismus nicht gerade vehement, dass sich die Glaeubigen ihr Seelenheil erkaufen koennen. In den Kapellen trennt man sich grosszuegig von seinen Banknoten, die man zielgerichtet an entsprechende Buddhafiguren heftet, je nach Zustaendigkeit. Die Moenche stapeln die Scheine von Zeit zu Zeit, und die grossen Kisten voller Geldbuendel koennten ebenso aus dem Tresorraum einer Bank stammen. Jedoch zeigt sich der tibetische Buddhismus politisch korrekt, denn es gibt auch eine weibliche Buddhaverkoerperung. Chickmi ist selbst sehr religioes und murmelt zwischen seinen Erlaeuterungen permanent Mantras vor sich hin. Er ist ein Anhaenger der Yellow Head Buddhisten, dem verbreitetsten, und wie er sagt friedfertigsten Zweig. Es gebe aber noch andere Ausrichtungen, wie die Read Heads oder die Black Heads. Wir sind beeindruckt, wie fromm die Tibeter sind, die Religion ist ihr Lebensinhalt und gibt ihnen Halt und Hoffnung. Auf unserer Klosterfuehrung bestaunen wir auch den groessten Indoor-Buddha, ganze 27 Meter ist er hoch. Schade, dass wir trotz hoher Eintrittspreise nicht fotografieren duerfen. Die Statuen, die regelmaessig neu bemalt werden, erstrahlen in kraeftigen Farben. Endlich duerfen wir erfahren, was die kleinen Knoetchen auf Buddhas Kopf bedeuten: ”Bob Marley Hair”, meint Chickmi. Buddha, der sechs Jahre unter einem Baum meditierte, hatte die Haarpflege wohl etwas vernachlaessigt. In den Kapellen riecht es lecker nach heisser Butter (ein Uebersetzungsfehler? Verehrt man nun Buddha oder Butter?) und nach Weihnachtsbaeckerei, wie Susi findet. Der Grund: in grossen Schalen mit brennenden Dochten fuellen die Glaeubigen regelmaessig Yakbutter nach, die man vor dem Kloster kaufen kann. Das und all die Kerzen erzeugen den heimeligen Eindruck eines Christkinkelmarktes. In einem duesteren Raum befindet sich das Gruselkabinett, auf das man sichtlich besonders stolz ist. Mit geisterhaft verstellter Stimme traegt ein Moench monotone Sprechgesaenge vor, waehrend er relativ unrhythmisch auf einen Gong kloeppelt. Hier werden furchteinfloessende Masken aufbewahrt, die nur waehrend einer Prozession ans Tageslicht kommen. Ausserdem gibt es einen Buddha, der das Boese bekaempfen soll und deshalb so schrecklich aussieht, dass man seinen Anblick nicht ertragen kann. Beurteilen koennen wir das nicht, da sein Gesicht mit einem Tuch verhangen ist, um die Besucher zu schonen oder ihre Phantasie anzuregen. Im Innenhof des Klosters steht eine Schlange Menschen vor dem Fenster zu einer Grotte. Sie halten angestrengt lauschend ein Ohr an die Oeffnung: hier koenne man einen Stein herunterplumpsen hoeren. Wir muessen’s natuerlich ausprobieren – vergebens. Ich fuerchte, wir haben das ganze nicht ernst genug genommen. Wie schoen kann Aberglaube sein... Fuer uns persoenlich ist der Buddhismus leider ein Stueck weiter entmystifiziert worden. Es ist zwar interessant, wie Menschen ueber Jahrtausende diese Religion geformt haben, aber steht bei der Lehre Buddhas, der nach sechs Jahren Askese die Erleuchtung fand, nicht Weisheit und Idealismus im Vordergrund? Dreht sich der Meister angesichts dessen gar mittlerweile im Grab wie ein Brummkreisel? Geht man in tibetischen Staedten durch die Strassen, findet man des oefteren Schreinereien, vor denen geschickte Kuenstler an Tischen, Baenken und Betten kunstvolle Schnitzereien anbringen, die anschliessend bunt lackiert werden. Chickmi zeigt uns eine Begebenheit, die uns sonst gar nicht aufgefallen waere: Haeuser, die von Tibetern bewohnt werden, erkennt man an den Gebetsfahnen auf dem Dach. Haeuser ohne Fahnen werden von Chinesen bewohnt. Eine scheinbar nebensaechliche Auskunft, wir glauben aber, zwischen den Zeilen herauszuhoeren: wenn Tibeter ihre regelmaessigen Aufstaende ueben, koennen sie so besser die chinesischen Haeuser erkennen. Eine gewagte Theorie, die aber bestaerkt wird durch etliche eingeschlagene Fensterscheiben. Tag 260 (17.04.2010) Shigatse - Gyangtse Schweren Herzens verlassen wir unseren chinesischen Palast. Tibet zeigt sich uns heute von einer ganz anderen Seite, fruehlingshaft gruen erstrahlen Buesche und Baeume in kleinen Taelern, wir durchqueren eine endlos scheinende Allee. Gut gelaunt geniessen wir das frische Gruen, kommen durch nette idyllische Doerfer, wo wir freundlich begruesst werden. Auch heute hat man einen Klosterbesuch fuer uns eingeplant. Vor dem Kloster fallen lange Reihen grosser, golden glaenzender Gebetsmuehlen ins Auge. Im Inneren befindet sich jeweils eine Papierrolle mit einem Gebet. Wir vermuten hier eine Revolution des literarischen Konsums, es reicht naemlich, die Dinger zu drehen, damit das Mantra wirksam wird. Man stelle sich vor, in unseren Schulen wuerden Buechermuehlen eingefuehrt, die Schueler haetten endlich Zeit fuer essentielle Unterhaltungen und bekaemen auch gleich mehr Bewegung. Auch beliebt scheint die praktische Handausfuehrung zu sein, an einem laenglichen Griff befestigt kann man sie ueberall hin mitnehmen. Urspruenglich wurde dieses System aber fuer Menschen eingefuehrt, die nicht lesen koennen. An einigen Innenwaenden dieses Klosters sind immer noch Parolen in chinesischer Schrift zu sehen, die noch aus Zeiten der Kulturrevolution stammen. Wir sind Chickmi auch heute wieder dankbar, dass er ein gemuetliches Zimmer fuer uns gefunden hat. Km: 92 Wetter: mild Tag 261 (18.04.2010) Gyangtse – Nargaze Wir fahren wieder hinauf ins Hochland, die Landschaft wird wieder karger und lebensfeindlicher. Manchmal sieht es aus wie auf dem Mars. Vo runs ragt der heilige Berg Noejin empor, knapp 8000 Meter hoch, und auf seinem schneebedeckten Gipfel zeichnet sich durch Sonne und Wolken ein imposantes Licht- und Schattenspiel ab. Am Abend sehen wir den blauglitzernden See bei Nargaze. Km: 105 Tag 262 (19.04.2010) Nargaze – Lhasa Den ganzen Vormittag radeln wir am See entlang, der mit seinem tiefblauen Wasser eine scharfen Kontrast zur kargen roetlichen Felswueste ausstrahlt, die ihn umgibt. Der heilige See strahlt eine majestaetische Ruhe aus und glitzert je nach Uhrzeit und Sonneneinstrahlung in unzaehligen Blau- und Gruenschattierungen. Leider haben wir Doedels vergessen, wie der See heisst... Am Ufer finden wir tausende, aus Steinen aufeinandergestapelter Glueckstuermchen vor, denen wir natuerlich sofort zwei weitere hinzufuegen, man weiss ja nie. Susi investiert 50 Cent fuer die Erlaubnis, ein festlich geschmuecktes Yak zu fotografieren, die Besitzer, eine Nomadenfamilie, hat sich wahrscheinlich genau darauf spezialisiert. Ich bin stolz auf Susi, immerhin hat sie die Besitzer von einem Euro auf die Haelfte runtergehandelt. Gell, liebe Schwiegermutter*, ganz die Frau Mama... Wir muessen wieder einen Pass erklimmen, der zum Glueck nicht hoch ist, weil wir uns schon ganz oben befinden. Am Gipfel, so heisst es, wuerde oft eine inoffizielle Gebuehr verlangt und Chickmi raet uns dringend davon ab, stehenzubleiben und darauf einzugehen. Aber wir haben Glueck, es schneit und hagelt, als wir uns auf den Gipfel kaempfen und im Gegensatz zu uns scheuen die vermeintlichen Wegelagerer das Sauwetter und wir kommen ungeschoren davon. Auf der anderen Seite geht es umso weiter runter und wir radeln durch nun schneebedeckte Haenge. Ploetzlich sieht’s aus wie in den Alpen im Winter. Als wir weider im Tal ankommen, ist es erneut Fruehling und wir freuen uns, laut Chickmis Aussage duerfte Lhasa nun nicht mehr weit sein. Aber zu frueh gefreut, schonend versucht der junge Mann uns beizubringen, dass man sich mit der Entfernung nach Lhasa ein wenig vertan habe, genauergesagt um ganze 70 Kilometer, die die Etappe nun ploetzlich laenger ist als geplant. Aber er bietet uns an, wir koennten gleich hier im Ort uebernachten. Susi jedoch ist so leicht nicht zu bremsen. ”70 Kilometer, das rollen wir doch noch locker” – und schon rollen wie wieder, bevor ich soviel Optimismus in Frage stellen kann. Am Nachmittag dann zeigt Chickmi uns dann eine ’Water Bury’-Staette, geschmueckt mit bunten Gebetsfahnen. Chickmi erklaert es uns natuerlich ganz genau: kleine Kinder, die verstorben sind, werden im Wasser bestattet, in einem Plastiksack mit Steinen dran. Ueblich ist sonst auch die Feuerbestattung oder das ’Sky Bury’, wo der Leichnam den Raubvoegeln ueberlassen wird, nachdem man ihn zuvor zerkleinert hat, in unserem Kulturkreis unvorstellbar! Leichenbestatter in Tibet ist ein abwechslungsreicher Beruf. Nur Herrscher werden in der Erde bestattet, damit die Seele an diesem Ort verweilt. Wenn ich so an unseren F.J. Strauss denke und so manche andere unserer hohen Tiere, dann ist eine Erdbestattung wahrscheinlich das beste, nur so verhindert man erfolgreich eine Wiedergeburt. Da haben uns die Tibeter also einiges voraus. Wetter: Schnee, Hagel km: 159 Tag 263 (20.04.2010) Lhasa 1 Siteseeing fuer unsere Jetzendorfer, die irgendwo in Kathmandu haengengeblieben waren, aber immer gern auch nach Lhasa wollten Wir radeln durchs Zentrum Lhasas und staunen: Einkaufsmeilen, vergleichbar etwa mit einer Mischung aus Kaufinger- und Maximianstrasse in Muenchen*. Nur, dass das Muenchner Strassenpflaster nicht aus Marmor besteht, aber wie man ja weiss: der billigste Marmor kommt bekanntlich aus China. Nur hier in China findet man diese einzigartige Mischung: neben suendhaft teuren Filialen von Bennetton, Playboy und wie sie alle heissen findet man kleine Laeden, die traditionell chinesische Medizin wie Tigerpenis, Antilopenhorn und undefinierbare Wurzeln nicht minder teuer feilbieten, ebenso wie dekorative Yak- und Widderschaedel. Erneut kommen wir uns vor wie arme Schlucker. Wer soll sich all das nur leisten koennen (oder wollen)? Also auf zu geistig-besinnlichen Dingen: Wir besuchen den Jokhang, Teil des "Pflichtprogramms" in Lhasa und wichtigste Anlaufstelle der tibetischen Pilger, hier befindet sich die heiligste Figur in Tibet. Stolze 8,50 Euro pro Person berappen wir und sind maechtig gespannt. Gerade zur rechten Zeit erreichen wir das offene Obergeschoss mit gestampften Erdboden: hier findet das lustige Stampf-Event statt. Arbeiter mit am Stiel befestigten Stampfern singen lautstark und marschieren folkloretanzartig vor und zurueck. Tipp fuer alle Jokhang-Besucher: unbedingt vorher erkundigen, wann gestampft wird! Im Erdgeschoss windet sich eine unueberschaubar lange Warteschlange durch labyrinthartige Metallabsperrungen. Wir vermuten hier die Hauptattraktion oder moeglicherweise auch den Vorverkauf fuer ein Rolling Stones-Konzert. Brav ordnen wir uns in die Reihen der von Eintrittsgeld befreiten Pilger, stillschweigend hoffend, ein Waerter koennte uns beiseite nehmen und nach vorne schleusen. Der Weg fuehrt zu mehreren Kapellen, die sehr feierlich und reich geschmueckt, aber doch alle in etwa gleich aussehen, und eine Vielzahl der unterschiedlichen Abbildungen Buddhas & Co beinhalten. Ein kleines Zuckerl trotzdem: die Holzarchitektur und alten verzierten Tueren dieses antiken Gebaeudes. Und dann endlich die Ueberraschung: Wir sind draussen! Wir hatten unseren persoenlichen, meditativen Gruppenpilgerweg nach dem Motto: keine Belohnung, der Weg ist das Ziel! Der Buddhismus rueckt wieder naeher in unser Weltbild. *Anmerkung: "Gell, Daisy, des haett'st net gedacht, dass's sowas bei den Chinesen auch gibt!" Die gute Daisy waere hier wahrscheinlich ohnehin auf dem Teller gelandet... Tag 264 (21.04.2010) Lhasa 2 Stadt der Goetter Der Potalapalast ist das Wahrzeichen Tibets und natuerlich auch fuer uns ein obligatorisches Ziel. Das auf einem Huegel errichtete Gebaeude ist wahrlich imposant. Massiv und trutzig wirkt der Palast, der die Winterresidenz des im Exil lebenden Dalai Lama und prunkvolle religioese Staetten in seinen 999 Raeumen birgt. Trotz regen Pilgerstroms ist es gar nicht so leicht herauszufinden, welcher der drei Eingaenge, auf drei Himmelsrichtungen verteilt, der Touristeneingang ist. Schliesslich umrunden wir fast das ganze Gebaeude, was einer kleinen Wanderung gleichkommt. Auf der kompletten Laenge um den massiven Fuss des Palasts hat man Gebetsmuehlen in einer endlos scheinenden Reihe angebracht, allesamt solide gelagert und gut geoelt, denn manche Pilger drehen wirklich gewissenhaft an jeder Muehle und es sind einige tausend! Der Potala kann trotz oder gerade aufgrund seiner Schlichtheit faszinieren. Die massiven, bis zu fuenf Meter dicken Aussenmauern aus Lehm und Stroh hielten sogar dem Bombardement durch die Chinesen in den 50er Jahren stand. Wer mit der wahnwitzigen Absicht kommt, alle 999 Raeume (mit einer Gesamtflaeche von angeblich 130.000 Quadratmetern) zu besichtigen mag enttaeuscht sein, der abgesteckte Besucherweg ist nicht allzu lang und zeigt nur einen Bruchteil des gesamten Gebaeudes, verschiedene Bereiche wie z.B. die Wohngemaecher des Dalai Lama sind nur sporadisch zugaenglich und bleiben fuer uns (wie auch fuer den Dalai Lama) geschlossen. Ein Meisterstueck wird zum Blickfang: ein metallenes Modell des Palasts, superfein gearbeitet. Zu bewundern gibt es die prunkvolle Inthronisierungshalle, die uralte Meditationshoehle des Koenigs Songtse Gampo, einer der beiden verbleibenden Raeume seines Palasts, der im siebten Jahrhundert zerstoert wurde, ausserdem Grabstaetten frueherer Dalai Lamas und wieder zahllose Kapellen. Sichtlich erschoepft von den erklommenen Hoehenmetern, die uns dieser Gigant abgerungen hat, geniessen wir anschliessend das leckere und preisguenstige Chineseneis und spazieren ueber den grossen Platz, der stilgerecht geschmueckt ist mit Reihen rechteckiger Kaesten voller Plastikblumen. Von hier aus draengt sich ein potthaessliches sozialistisches Arbeiterdenkmal ins Blickfeld. Ploetzlich ruft uns jemand nach. Haben wir was verloren? Irrtum - zwei junge Chinesinnen wollen mit uns und den Fahrraedern fotografiert werden. Die maennlichen Begleiter, wie immer bewaffnet mit riesigen Nikon-Kameras vom Klassenfeind, sind hellauf begeistert von der Idee mit der suessen kleinen Li vorne auf meiner Fahrradlenkstange und machen eine richtige Fotosession draus. Wir stehen brav Modell und bekommen endlich den Starruhm, der uns zusteht (und ich meine Groupies). Unermuedlich ziehen wir weiter zum Norbulingka, der Sommerresidenz des Dalai Lama. Gemuetlich durchqueren wir diese aeusserst geschmackvolle Gartenanlage, die sogar einen Minizoo beinhaltet, vorbei an bunt bemalten kleinen Palaesten und Tempeln, machen Rast an ummauerten Teichbecken und Kanaelen. Ein Pavillion wurde inmitten eines Teichs in chinesischer Architektur errichtet. Der Loewenzahn blueht und das ganze wirkt wie ein Spaziergang im Englischen Garten Muenchens im Mai. Hier erhalten wir Einblick in die Wohn- und Audienzraeume des 14., aktuellen Dalai Lamas, die zwar geraeumig, aber doch irgendwie unspektakulaer wirken. Das Bad aehnelt dem eines Budget-Hotels, aber zur Bescheidenheit des tibetischen Oberhaupts passen wohl auch keine goldenen Armaturen und Kloschuesseln. Fuer uns ist dieses Meisterwerk des Gartenbaus eine wahre Augenweide und wie eine Oase nach den Steppen der tibetischen Hochebene. Am Abend kommt seine Majestaet, der tibetische Reiseleiter Lhakpa, in unser Hotel und gibt uns eine Audienz. Er sieht ein wenig aus wie "Der Pate" Marlon Brando und hat die gleiche heisere, keuchende Stimme. Leider, sagt er, sei Osttibet immer noch gesperrt. Fuer uns bedeutet dies einen weiten Umweg ueber den Norden. Der erhoffte Kompromiss waere eine kleine ungeteerte Strasse, die ein gutes Stueck vor Golmud nach Suedosten abzweigt. Auf einer einzigen Karte ist dieser Weg eingetragen, auf allen anderen nicht. Auf Google Earth, das wir zum Erstaunen des Hotelbesitzers ueber Umwege auf dem Hotel-PC installieren koennen (in China sind etliche Internetseiten wegen Zensur gesperrt, wie z.B. Youtube, Skype bekommt man auch nur ueber Umwege), koennen wir auf dem Satellitenfoto eine rudimentaere Sandpiste erkennen, gute 300 Kilometer lang. Mr. Lhapka winkt aber nur ab, er habe mit Ortsansaessigen gesprochen, eine solche Strasse existiere nicht. Wir beschliessen, die Situation vor Ort unter die Lupe zu nehmen. Lhakpa versichert uns nochmals, dass wir unser 45- Tage-Gruppenvisum in jeder groesseren Stadt Chinas verlaengern lassen koennen. Der Pate haelt noch eine Ueberraschung fuer uns bereit: ab morgen ist ein anderer Guide fuer uns zustaendig, Chickmi muss zum Klettern in die Berge. Eine junge Dame soll seine Aufgabe jetzt uebernehmen. Tag 265 (22.04.2010) Lhasa 3 Auf dem Tagesprogramm steht der Besuch einer alten Klosteranlage auf einem Berggipfel. Wir werden mit unserem Kleinbus hingefahren, zusammen mit unserer Reisefuehrerin, die sich gleich eine Freundin mitgenommen hat, damit der Ausflug nicht langweilig fuer sie wird. Die Anlage besteht aus einzelnen kleinen Kapellen und Stupas und wir muessen ganz schoen kraxeln, um sie alle zu erreichen. Die Moenche lassen sich nicht erweichen, auch hier duerfen wir nicht im Inneren der Gebaeude fotografieren. Unser Guide, deren Namen wir sofort wieder vergessen, wird von Susi fortan treffend "wandelnde Voelkerverstaendigungskatastrophe" genannt. Sie spricht so gut wie kein Englisch, was nicht ins Gewicht faellt, da sie uns sowieso nicht zuhoert. Angeregt plaudert sie mit ihrer Freundin und gibt von Zeit zu Zeit lieblose Erklaerungsansaetze im "This is..."-Stil von sich. Von Susi gefragt, warum auf dem Schoss einer Buddhastatue eine junge Dame in eindeutiger Pose sitzt, gibt sie fachkundig zu verstehen: "This is Highest Meditation". Und wir Banausen haetten's fast fuer billige Pornografie gehalten. Hier haben wir sogar Gelegenheit, eine 'Sky Bury'-Staette zu besichtigen, wir lehnen aber dankend ab. Wir glauben nicht, dass wir den Anblick von zerhackten Leichenteilen, den Adlern zum Frass vorgeworfen, wieder vergessen koennten. Wir vermissen Chickmi ein wenig, der seinen Job wirklich gut gemacht hat. Tag 266 (23.04.2010) Lhasa – Damxung Nach drei Tagen verlassen wir unsere Fruehlingsoase, um die ungewollte Kursaenderung Richtung Norden anzutreten. Wir fahren wieder durch bergige Gefilde und haben nun doch die Gelegenheit, ein Sky Bury sehen zu koennen, zum Glueck aus sicherer Entfernung: auf einem Gipfel kreist eine Schar von Geiern und Adlern um einen Wust von Gebetsfaehnchen. Doch die Tierwelt hat heute wieder einiges mehr fuer uns zu bieten: eine Herde Yaks galoppiert oben am Pass entlang, die zotteligen, knuddligen Tiere mit dem aufmerksamen, wachen Blick koennen nicht nur klettern wie Luis Trenker, die koennen auch richtig flott unterwegs sein. Grunzochsen nennt man sie, und das nicht ohne Grund, denn sie geben von Zeit zu Zeit lustige Grunzlaute von sich. Die Tibeter haben ihr Yak zum Fressen gern, das komplette Zotteltier wird hier verwertet: Fleisch, Butter, Fell, Wolle, Leder und Knochen finden dankbare Verwendung. Die Landschaft Tibets ist nicht wirklich einsam, jedenfalls in Anbetracht der Hamsterpopulation. Millionen kleiner Wollknaeuel sind am Strassenrand zu sehen, sie machen Maennchen, geben pfeifende Warnlaute von sich und verschwinden in den zahlreichen Erdloechern. Ja, Tibet hat ein echtes Hamsterproblem, die kleinen Tiefbaumeister haben professionell das komplette tibetische Hochplateau untertunnelt.* Gut fuer die Raubvoegel, fuer sie heisst's "Hamsterbuffet - all you can eat". *Anmerkung: Sollten die Chinesen jemals auf die Idee kommen, Tibet auch noch mit einer U-Bahn begluecken zu wollen, muessen sie nicht einmal mehr graben. Zum ersten Mal sehen wir heute auch die Eisenbahnverbindung von Peking nach Lhasa, 2006 eroeffnet und der ganze Stolz chinesischer Konstrukteurskunst. Moderne, schnelle Zuege mit eigener Sauerstoffversorgung sollen Reisende von Peking auf ueber 4000 Meter Hoehe bringen, ueber mehr als 4000 Kilometer Strecke, in nur stolzen 48 Stunden. Das Bild, das sich uns darbietet, koennte einem Science Fiction-Film entsprungen sein, eine wuchtige Eisenbahntrasse fuehrt praktisch durchs Nichts. Die Strecke, zu grossen Teilen auf Permafrost, also staendig gefrorenem Boden gebaut, wird immer wieder von Betonpfeilern und Bruecken gestuetzt, um so, genau der Landschaft angepasst, Hoehenunterschiede auszugleichen. Maechtig haben sich die Arbeiter ins Zeug gelegt, um ein Vorzeigeobjekt zu schaffen, die Seitenhaenge des Gleisbetts wurden akribisch mit Pflastersteinchen oder Zierplatten ausgelegt. Die Strecke wird von ganzen Trupps von Bauarbeitern mit Leuchtweste ueberprueft und instandgehalten. Die grosse Ueberraschung kommt mit dem ersten Zug: schnell ist er, allerdings nur verglichen mit uns! Lange fahren wir fast nebeneinander her. Modern waere er im ausgehenden 19. Jahrhundert auch erschienen, im fetzigen Moosgruen kommt er daher und waere als Modell der ganze Stolz der Maerklin-Oldtimerkollektion. So kommen wir auch fast gleichzeitig mit dem Zug an unserem Zielort Damxung an, der ein wenig trostlos wirkt. Hier oben gibt es keine Baeume mehr und kein Gruen. Trotz der grosszuegigen Bauweise der Chinesen wirkt der Ort heruntergekommen. Im chinesischen Restaurant sitzend 169 Kilometer sind wir heute geradelt und sind schon ein bisschen stolz auf unsere bisher laengste Etappe. km: 169 Tag 267 (24.04.2010) Zwischen Damxu und Amdo Immer wieder treffen wir auf Hirten, die auf Bergponies unterwegs sind. Manchmal ist ein Tibetaufenthalt wie ein Wildwesturlaub. Viele Tibeter tragen Texas-Cowboyhut und Lederjacke, andere tragen lange schwarze Zoepfe und sehen mit den kantig, etwas indianisch wirkenden Gesichtern aus wie Winnetous Verwandtschaft. Das gleiche gilt uebrigens fuer die Polizisten, die uns im Jeep entgegenkommen, hier haben wir klassische Sheriffs oder Indianercops aus amerikanischen Filmen. Brehms Tierleben setzt heute noch eins drauf, hinter kleinen Bruecken brueten riesige Steinadler, die wir aus naechster Naehe bewundern koennen. Auch Schwarzhalskraniche sehen wir und natuerlich Geier, die sich bei unseren Tempo schon ihre Chancen ausrechnen. Trotz ihrer Groesse sind manche Yaks ganz schoene Feiglinge und springen erschrocken zur Seite, wenn wir uns mit unseren Monsterfahrraedern naehern. Zusaetzlich zum Gegenwind, an den wir uns schon gewoehnt haben, setzt am Nachmittag starker Sturm ein, wir koennen die Radl kaum noch auf der Strasse halten und muessen sogar bergab fest treten, um nicht rueckwaerts den Berg wieder hinaufzurollen. Wir brechen heute vorzeitig ab, eine solche Anstrengung macht wenig Sinn, wenn wir nicht vom Fleck kommen. Damit kommt aber auch der Etappenplan durcheinander und wir muessen zwei Tage auf den rauhen Komfort tibetischer Gaestehaeuser verzichten. Guide und Fahrer sind schockiert vom Plan zu zelten. Hoch sei es und kalt und wer weiss, we runs nachts behelligen wird. Fast kommt es nun auch aus einem anderen Grund zum Streit: als fleissige Radler sind wir zwei Tage vor dem Zeitplan und nun besteht die Reiseleitung vehement darauf, dass wir unsere voll bezahlten 19 Tage Tour in 17 Tagen beenden. Einen Extratag brauchen wir nun aber und als das Argument “Geld zurueck fuer ungenutzte Tage” zur Sprache kommt, ist der Aufstand beendet. Bei einem Fahrgast (der exklusiv gecharterte Tourbus befoerdert, um das Gehalt etwas aufzubessern, auch tibetische Fahrgaeste) will uns nun die wandelnde Voelkerverstaendigungskatastrophe privat unterbringen. Die aeltere Dame ist wenig begeistert, waere aber fuer 5 Euro pro Nacht einverstanden. Die Holzhuette sieht leicht angegammelt aus, Klo gibt’s auch nicht, wir sollten nachts einfach rausgehen und ein stilles Oertchen zwischen den extreme aggressiven Tibetterriern suchen. Ne danke. Das Zelt muss her! Hinter einem Hang bauen wir unsere Behausung unter den Augen der skeptischen Guides auf, die zumSchlafen wieder zurueck ins letzte Hotel fahren warden, die Spesen haben wir ja bezahlt, also waer’s ja Verschwendung, im Bus zu uebernachten. Trotz des schuetzenden Hangs haben wir Angst, dass der Sturm die ganze Konstruktion in Fetzen resist. Wetter: mild aber stuermisch km: 103 Tag 268 (25.04.2010) Zwischen Damxu und Amdo Starker Gegenwind bleibt unser staendiger Begleiter, wir spueren, dass wir im Moment nicht allzu fit sind. Erneut schlagen wir unser Zelt auf, heute in einem Sandloch. Nach muehsamen Versuchen schaffen wir es endlich, uns eine heisse Suppe zu kochen, indem wir auf natuerliche Ressourcen zurueckgreifen und eine Mischung aus Yakdung und Diesel entzuenden. Ergo: Yakdung brennt auch in schwindligen Hoehen noch gut, die Tibeter wissen schon, welchen Mist sie da anzuenden... Wetter: Sturm km: 103
16.8.10 16:49


Impressionen

Hier einige Eindruecke unserer Reise, die wir auf Foto gebannt und nach bestem 'Travelling Mat'-Wissen dokumentiert haben.

Wie bei unserem geistigen Fraggle-Vorbild koennte es vielleicht sein, dass die Wirklichkeit ein wenig von unserer Weltsicht abweicht, der besser informierte moege Nachsicht mit uns walten lassen.

Viel Spass mit unseren ganz speziellen Impressionen wuenschen

Susi und Juergen!

 

16.8.10 16:32


Fortsetzung des Tagebuchs, April 2010

"Liebe Freunde unseres Tagebuches, viel ist inzwischen passiert, auch viele Katastrophen, groessere und kleinere. Da die meisten davon mit der chinesischen Obrigkeit zusammenhaengen, haben wir bisher noch keinen Text ins Internet stellen koennen, denn wir wollten ja nicht rausfliegen aus China! Nun haben uns chinesische Agenten hinterhaeltigerweise das Tagebuch gestohlen! Spass beiseite, wir Doedels haben es einfach VERLOREN! 200 Seiten Abenteuer mehr oder weniger intelligente Witze und wie gesagt viele Katastrophen, alles weg. Da unser Tagebuch ueber weiche Seiten verfuegt, wissen wir, dass es jetzt immerhin in irgendeinem laotischen Bergdorf noch einen humanitaeren Zweck erfuellt. Wir versuchen nun, die fehlenden Eintraege so schnell und gut wie moeglich nachzutragen. Wir bitten um Verzeihung, wenn dabei die eine oder andere zeitliche Begebenheit vielleicht etwas durcheinander geschwurbelt wird. Die Eintraege ab dem Grenzuebergang nach Laos sind wieder original. Liebe Gruesse, Susi & Jeurgen" ganz liebe Gruesse, Susi und Juergen Tag 251 (08.04.2010) Aufbruch aus Kathmandu Endlich geht es nun los, mit neuen Hoffnungen und Erwartungen und einer ganzen Stange Geld weniger, dem viel mystifizierten und sagenumwobenen Tibet entgegen. Nachdem wir uns schweren Herzens von unserem Stammburgerlokal mit dem unvergleichlichen Kaffee verabschiedet haben, beginnen wir, uns unseren Weg durch den schier undurchdringlichen Smog Kathmandus zu bahnen. Wir kommen erst am Nachmittag los, da sich die Formalitaeten rund um unser Tibetvisum so lange verzoegert haben. Wir wollen dennoch den Stadtmoloch mit seinem Gestank, den Muellbergen, dem schrecklichen Verkehr samt unertraeglich lautem Gehupe noch verlassen, damit wir am Morgen in eine neue Episode starten koennen. So dauert es auch recht lange, bis wir die Stadt verlassen und uns durch etliche Baustellen mit schlechter Fahrbahn gekaempft haben. In einem netten Gartenrestaurant, wo man einen Pavillon ganz fuer sich alleine hat (in Nepal sind solche Lokale sehr populaer) lassen wir uns bewirten und geniessen es, die fesselnde Ohnmacht des Wartens hinter uns gelassen zu haben. Kurz bevor die Strasse einen Berg hinauf fuehrt, faellt uns ein Restaurant mit Obergeschoss auf, ohne Schild, und ich frage aufs Geratewohl, ob man hier uebernachten kann. Wir hatten gar nicht wirklich mit einem Hotel in dieser wenig belebten Gegend gerechnet, doch siehe da, es gibt ein sehr ordentliches gemuetliches Zimmer zum superguenstigen Preis. Das Restaurant ist schlicht und vermittelt mit seinen Whiskywerbeplakaten einen rauhen Charme. Aber die Leute hier sind sehr nett und wir spueren die typische Geborgenheit der unverhofften Beherbergung. Km: 21 Wetter: heiss Tag 252 (09.04.2010): hinter Kathmandu - 6 km vor Chinesischer Grenze (Tatopani) Da sind sie also wieder, die radelnden Zigeuner, die Kondition nach einem Monat Kathmandu nicht mehr ganz auf der Hoehe und ein paar Pfunde mehr auf den Rippen. Die Landschaft ist bezaubernd schoen und belohnt die fast schon vergessene sportliche Anstrengung. Wir fahren am Fluss durch schroffe bewaldete Taeler, bewundern prachtvolle Schmetterlinge und geniessen das warme, subtropische Klima. Auf der Suche nach einem Restaurant stossen wir mittags auf ein Kanutentrainingscamp. Wir betreten einen liebevoll angelegten Garten mit ueppig bluehenden Bueschen und Baeumen, zwischen denen man immer wieder Figuren hinduistischer Goetter findet. Inmitten der Anlage befindet sich ein Uebungspool, in welchem ein hoffnungsvoller Anfaenger die Eskimorolle uebt, und nachdem ihn der Trainer per Hand samt Kanu einmal um die Laengsachse gedreht hat hoffnungsvoll fraegt: "Hab ich's geschafft?". Eine offene luftige Bar, aus der laute Rockmusik zu hoeren ist, laedt zum verweilen ein. Wir sterben fast vor Hunger und bestellen uns gebratene Nudeln. Wir plaudern mit den netten Jungs, die die Anlage betreiben und recht leger wirken. Ihnen gefaellt, was wir machen, und einer von ihnen fraegt mich, ob ich denn schon einmal Rafting gemacht haette. Er kringelt sich vor lachen, als ich antworte: Nein, das sei mir zu hart. Gegen Abend spueren wir die Grenznaehe: die Gegend wirkt zunehmend heruntergekommen. Wir radeln in die Dunkelheit hinein, die Strasse ist bergig und hier teilweise recht schlecht. Da unsere Lampen nur noch funzeln und zu allem Ueberfluss auch noch Geroell auf der Strasse herumliegt, muessen wir sehr langsam fahren. Wir sehnen uns nach einem Hotel, doch nichts dergleichen ist zu finden. Die Passanten, die wir fragen, kennen zwar eins, doch die Kilometerangaben variieren erheblich. Kinder, teilweise nicht aelter als zwei Jahre, springen auf der Strasse herum, ohne Aufsicht mitten in der Nacht. Manche bruellen uns unverstaendliches hinterher, andere rufen 'money money' oder zerren an unserem Gepaeck. Das laesst Erinnerungen an die Osttuerkei wach werden. Letztendlich schaffen wir es aber doch, wir erreichen den kleinen Grenzort, wie auch ein Hotel. Der Manager wirkt erst etwas reserviert und macht es spannend: Er ist sich nicht sicher, ob ein Zimmer frei sei. Der Herr taut aber schnell auf und erweist sich doch noch als sehr herzlich und hilfsbereit. Er weist uns ein superguenstiges Zimmer zu und traegt sogar unser Gepaeck hinauf (3 Euro hat das ganze Zimmer gekostet, da bleibt in Deutschland der Page mit dem Gepaeck stehen und wartet auf mehr Trinkgeld). Unser Vermieter lehnt das angebotene Trinkgeld stets ab. Wir haben ein eigenes Bad, das kleinste bisher auf unserer Reise, es besteht praktisch nur aus einer Kloschuessel, ueber die man geschickt klettern muss, wenn man die Klotuer auch wieder schliessen moechte. Natuerlich stellt sich nach einem solchen Tag ein Baerenhunger ein. Das Hotelrestaurant ist aber brechend voll und so kommt es, dass man uns das Abendessen sogar aufs Zimmer serviert. Der Wirt legt uns noch nahe, wir sollten doch unbedingt am naechsten Morgen die heissen Quellen im Ort besuchen und wir sind uns einig, dass das unseren mueden Gliedern gut tun wird. km: 91 Wetter: heiss Tag 253 (10.04.2010) CHINA / Ich habe da ein 'Free Tibet'-T Shirt, koennte das ein Problem sein? Nach dem Fruehstueck radeln wir zu den natuerlichen heissen Quellen im Ort, die man professionell an ein Badehaus angebunden hat. Es gibt offene Becken, wo sich Einheimische waschen und grosse Fontaenen heissen Wassers aus der Wand plaetschern. Wir entscheiden uns fuer den etwas teureren Family Tub Room, den wir eine Stunde lang belegen duerfen. Die Anlage wirkt sehr sauber und gepflegt. Man fuehrt uns in einen geschlossenen Raum, in dem sich ein Pool von etwa zwei auf zwei Metern befindet, etwa 50 cm tief. Allerdings beginnt man nun erst, das Becken mit einem Schlauch zu befuellen, das Wasser wird ja nach jedem Besucher abgelassen, es kann sich also nur um Stunden handeln, bis man hier nach Herzenslust plaetschern kann. Wir bemerken auch schnell, dass das Wasser der Bezeichnung 'heisse Quelle' mehr als gerecht wird, es ist fast bruehend heiss und kaltes Wasser zum Mischen steht nicht zur Verfuegung. So verwandelt sich der Raum auch schnell in ein tuerkisches Dampfbad. Die Hitze ermuedet unseren Kreislauf eher, als ihn anzuregen und wir machen uns auf, die ca. sechs Kilometer zur chinesischen Grenze zu fahren, wo wir uns um 11.00 Uhr mit unserem chinesischen Guide treffen sollen. Schnell merken wir, dass wir uns ein wenig verbummeln, die Strasse ist ungeteert, sehr steil und es ist schon sengend heiss. Die Landschaft ist schon subtropisch, seltsam, wo wir doch in nur sechs Kilometern das "Land des Schnees" betreten wollen. Der Autoverkehr staut sich zur Grenze hin, aus einem Auto heraus ruft man uns zu, wir sollen an der Grenze warten, der Mann von der Reiseagentur, der uns ja unsere Ausweise und Visa bringen soll, kaeme bald. Wir hoffen nur, er kommt nicht mit dem Auto. So warten wir bis 13.00 Uhr in der bruetenden Hitze, bis ein junger Reiseleiter uns und einigen weiteren Touristen die auf ein separates Blatt gedrucktes Visa ueberreicht. Er erklaert noch einige wichtige Verhaltensregeln fuer China, so soll man tunlichst vermeiden, das T-Wort zu erwaehnen, ebenso wie das D-Wort. Bilder des Dalai Lama und Landkarten sowie Flaggen von Tibet einzufuehren sei streng verboten und er raet dringend vom Versuch ab, etwa einen ’Lonely Planet Tibet’-Reisefuehrer ins Land zu bringen, die Beamten wuerden sehr veraergert reagieren. Man moege doch solche Literatur an ihn abgeben. Genau ein solches Exemplar haben wir eigens in Kathmandu erstanden, dort waren auch gebrauchte Exemplare im Handel und uns beschleicht der Verdacht, dass es sich hier um einen zirkulierenden Handel handelt. Nach diesem Grundkurs ueber das chinesisch-tibetische Verhaeltnis platzt es aus einem jungen westlichen Touristen mit buehnenreifer Ueberraschung heraus: “Ich habe da ein ‘Free Tibet’-T-Shirt, koennte das ein Problem sein?”* Nun, es koennte ein Problem sein, brav laesst er sein Shirt zurueck, politisches Engagement setzt nicht immer politische Bildung voraus. ‘Free Tibet’ gehoerte zur Olympiade 2008 wie der Autokorso zur Fussball-WM. Nach anfaenglichen Zweifeln, ob man wirklich alle unsere Taschen filzen wuerde, siegt schliesslch die Vernunft und wir lassen das Buch mit all den Reiseinfos zurueck in den Handel wandern. Wozu haben wir sonst einen teuren Fuehrer, der sich um alles kuemmern wird? Zur Grenzbehoerde geht es ueber eine imposante Bruecke, wo man uns bedeutet, EXAKT mit dem Vorderrad auf einer dicken roten Linie zu halten, waehrend rund um uns andere Grenzgaenger reihenweise passieren. Ein Grenzbeamter mit steifer Miene marschiert roboterhaft heran um Ausweise und Visa zu sichten. Die Vermutung liegt nahe, dass bei den chinesischen Behoerden mit Humor bestenfalls unfreiwillig zu rechnen ist. Im Grenzgebaeude laesst man uns saemtliche Packtaschen abnehmen und und auf das Laufband eines Roentgengeraets stellen. An einem Tisch macht ein weiterer Beamter stichprobenartige Kontrollen, sichtlich abgeschreckt vom Chaos unserer Ausruestung. Nur unsere Kochtasche, gut zu erkennen am Messer- und Gabelsymbol, schiebt der chinesische Grenzpolizist naseruempfend zur Seite. Liebe Leser, solltet Ihr jemals in die Verlegenheit kommen, etwas schmuggeln zu muessen, empfehlen wir den Kochtopf, da kucken nicht mal die Chinesen rein. Unerwartet kommt nun doch Humor ins Spiel, ein Beamter gibt gruenes Licht fuers Neubepacken der Fahrraeder, 20 Meter weiter heisst es vor dem zweiten Roentgengeraet: Alle Taschen wieder runter! Hurra, dies ist die erste Grenze auf unserer Reise, an der wir richtig ernst genommen werden! Dann sind wir endlich entlassen und betreten Tibet. Sofort sind wir umringt von einem ganzen Rudel Geldwechsler, vor denen in den Reisefuehrern wegen betruegerischer Wechselkurse immer gewarnt wird. Hier kennt man keine Beruehrungsaengste, die Wechsler bekrabbeln uns schier in ihrem Wettstreit und wir haben wieder Grund zu schmunzeln. Susi wittert ihre Chance, immerhin haben wir schon seit der Tuerkei einen verschmutzten 50 Euro-Schein, den uns keine Bank mehr annehmen will. Susi zeigt den Schein vor und loest damit sofortiges Chaos aus. Einer der Geldwechsler hat tatsaechlich den Nerv, uns einen ueblen Wechselkurs anzubieten, mit der Erklaerung: “Den Schein werdet Ihr sonst nie los, den nimmt keiner an!”, waehrend daneben schon der naechste bruellt: ”ich nehm ihn! Ich nehm ihn!”. So erhalten wir doch noch einen guten Kurs von einer jungen chinesischen Geldwechslerin, die aus dem Gerangel sichtlich als Gewinnerin hervorgehend, den Schein wie eine Siegestrophaee schwenkend, Froehlich davonhuepft. Unser Guide, Mr. Sonam, der nun schon geschlagene zweieinhalb Stunden auf uns wartet, mustert uns und unsere Fahrraeder mit leicht skeptischem Blick, als wuerde er den Arbeitsaufwand abwaegen, der ihm mit uns bevorsteht. Gekommen ist Mr. Sonam mit einem grossen Gelaendewagen samt Fahrer. Der Fahrer, ein sympathischer junger Mann, der leider gar kein Englisch spricht, wirkt leicht konservativ, ist korrekt gekleidet, in etwa wie ein englischer Chauffeur. Sonam spricht maessig Englisch und bietet uns gleich zu Anfang an, in seinem Jeep mitzufahren. Wir haben schlimmeres Draengen auf Einsteigen befuerchtet! Das war alles? Naja, teuer genug war es ja. OK, meint er, man traefe sich dann am Abend in Nyalam. Wir erhalten noch seine Handynummer und ein Formular zum Vorzeigen an den Checkpoints. Wir duerfen hier ja eigentlich nicht alleine reisen. Und weg ist er. So ist’s uns eigentlich auch am liebsten, doch Zweifel quaelen uns mit der Frage: Wofuer bezahlen wir hier? Wenigstens koennen wir unser schweres Gepaeck im Wagen lassen. Der Aufstieg aufs Dach der Welt kann beginnen. Von nun an geht’s steil bergauf, wieder im altvertrauten Rechtsverkehr. Anfangs passieren wir noch einige Baustellen und wir sind doch ein bisschen besorgt, ob die Strasse doch eine Geroellpiste bleibt, wie uns eine nepalesische Radlerin Glauben machen wollte. Doch schon nach kurzer Zeit zeigt sich die Strasse in perfektem Zustand, breit, neu und super befahrbar. Im ersten Ort kehren wir ein und bekommen unser erstes chinesisches Essen. Hier essen viele westliche Touristen, die die wesentlich billigeren Pauschalbusreisen gebucht haben. Aber auch chinesische Familien sind zu Gast, es ist angenehm, Frauen und Maenner zusammen lachen, ratschen und Bier trinken zu sehen, in entspannter Atmosphaere, irgendwie wie daheim. Eine weitere grosse Baustelle erweist sich als Erdrutsch. Mit schwerem Geraet ist man darum bemueht, die verschuettete Strasse, die den gesamten Verkehr blockiert, freizuraeumen. Und wen entdecken wir im Superstau? Unseren Guide nebst Fahrer, beide friedlich schlafend, erschoepft von der harten Arbeit. Leise fahren wir vorbei, um sie nicht zu wecken. Viele Lkw-Fahrer gruessen freundlich, ”welcome to China” hoeren wir oft. Die Steigung macht un saber zu schaffen und wir muessen immer wieder schieben. Hier ist schon alles sehr exotisch und einfach mal wieder ganz anders. Ueberall sehen wir chinesische Schriftzeichen und richtig asiatische Shops und Restaurants. Wir schaffen es sogar, an einem chinesischen Geldautomaten abzuheben, nachdem un seine Passantin hilft, von chinesischer auf englische Sprache umzuschalten. Das typische Tibetambiente liefern hier an der Bergstrasse die vielen Gebetsfahnen (kleine rechteckige Stofftuecher mit Gebeten in Sanskritschrift, immer abwechselnd in weiss, rot, gruen, blau und gelb), die wie in einer riesigen ‘Weisser Riese’-Werbung an Schnueren an die Felshaenge gespannt sind oder sich in weiten Boegen ueber die Strasse erheben. Schnell wird es mit steigender Hoehe kuehler und auch der Wald ist hier deutlich lichter. Erneut fahren wir in die Dunkelheit hinein, die Berge um uns herum sind nun kahl und es wird kaelter und kaelter. Wir wussten schon gar nicht mehr, wie sich Kaelte anfuehlt und sind froh um die warmen Jacken, die wir uns aus Kathmandu mitgebracht haben, echtes Plagiat Marke Northfake... Wir koennen uns fast nicht vorstellen, dass es hier oben eine Stadt gibt, wir sehen keine einladenden Lichter und immer wieder kommt eine neue Kuppe und eine neue Kurve. Der Verkehr ist auch recht mager hier, nur ab und zu leuchten Scheinwerfer hoch ueber uns von weitem die Strasse aus und wir sehen den langen Weg, der noch vor uns liegt. Die Nerven liegen schon blank, wir frieren und sind ziemlich k.o., als doch noch eine kleine Stadt, versteckt hinter einer Serpentine, aus der Dunkelheit auftaucht. Die Stadt besteht hauptsaechlich aus einer Hauptstrasse, ist aber doch nicht so klein. Nun heisst es unseren Mr. Sonam finden und das Hotel, das er fuer uns gebucht hat. In einem kleinen Imbiss-Shop, wo eine Auslage mit Huehnerfuessen einladend auf den geneigten Geniesser wartet, fragen wir die Wirtin, die einen rustikalen Charme versprueht, ob wir telefonieren duerfen. Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen spricht die Dame schliesslich selbst mit dem Guide und deutet in die Richtung, in die wir eh unterwegs sind. Umgerechnet einen Euro moechte sie fuer das kurze Telefonat haben. Man hat uns wieder abgezogen, wie uns Mr. Sonam spaeter erklaert, haette es nur ein bis zwei Yi Jiao, also Zehntel Yuan kosten duerfen und nicht 10 Yuan. 100facher Preis ist einsamer Rekord, das gab’s nicht mal in Indien. Unser teurer – pardon – treuer Begleiter erwartet uns an der Strasse, klopft mir unerwartet herzlich auf die Schulter und meint, er sei stolz auf uns. Das Hotel ist sehr schlicht, es gibt nur ein Gemeinschaftsbad, aber keine Duschen, sondern nur die in Tibet ueblichen Waschschuesseln, die sehr an Nachttoepfe erinnern. Warmes Wasser kommt nicht aus dem Hahn, und das kalte Wasser ist so kalt, dass man kaum die Haende drunterhalten kann. Aber es ist hier ueblich, dass man eine grosse Thermoskanne mit Wasser aufs Zimmer bekommt, mit ca. zwei Liter und einem grossen Korken. Die Dinger halten das Wasser praktisch ewig heiss und wir koennen uns mit Neskaffee innerlich aufwaermen. Im ersten Stock ist ein Schild an der Tuer angebracht: ’Out Of The Cold Room’ – ein Holzofen in der Mitte, rundherum Baenke. Hier wird deutlich, was auf 3700 Meter Hoehe angesagt ist. Wir sind heute ganze 2400 Meter aufgestiegen, entgegen der Ratschlaege unserer Gesundheitsbroschuere. In Tibet werden aus Ermangelung an Holz und einem Uebermass an Vieh die Oefen zum Heizen und Kochen mit Yakdung (getrocknet, versteht sich) betrieben. Das Zeug liegt wirklich ueberall rum und muss nur eingesammelt werden. Hier im Hotel gibt’s echtes chinesisches Essen, und das echt lecker, Reis und Gemuese. Wir sind erstaunt, wo man hier das Gemuese herbekommt. Fuer morgen ist ein Ruhetag eingeplant, um uns an die Hoehe zu gewoehnen. Wetter: unten heiss, oben kalt km: 47 * Anmerkung: Genial, der junge Mann muss Amerikaner sein, aufgewachsen im unerschuetterlichen Glauben an weltweite Meinungsfreiheit und Marshmellows fuer alle! Tag 254 (11.04.2010) Nyalam Footprints Auch am Morgen will sich der tibetische Zauber noch nicht so recht einstellen, Nyalam wirkt, trotz solider Infrastruktur (China hat hier sichtlich schon mal investiert), ein wenig vernachlaessigt. Die Haeuser, alle in homogenen drei- bis vierstoeckigen Haeuserzeilen angeordnet, sind langsam am verfallen. An vielen Stellen liegt Muell herum. Die empfohlenen vier Tage Pause auf der neuen Hoehe koennen wir uns nicht leisten, jeder Tag mit dem Guide kostet uns richtig Geld. So ist schnell ein Kompromiss gefunden, man einigt sich auf einen ’day off’ und wir planen einen kleinen Ausflug. Eine sehenswerte Grotte soll es hier geben und unser Guide ist ganz gluecklich, dass wir alleine hinradeln koennen. Bei Tageslicht wirkt die Gegend beeindruckend, eine karge, wuestenhafte, weite Landschaft, auf den etwas hoeheren Bergen liegt Schnee. Kleine Gruppen von typisch tibetischen Haeusern, von ganz anderem Aussehen als in der Stadt, liegen verstreut in Strassennaehe. Tagsueber sind die Temperaturen milder, aber wir spueren schon den wesentlich geringeren Sauerstoffanteil in der Luft und ringen immer wieder nach Atem. Ein Schild weist schliesslich zur Grotte, wir muessen eine kleine Siedlung durchqueren und einige Kinder umzingeln uns, werden ein bisschen unangenehm und aufdringlich. Die Kids sehen ein wenig zerlumpt und ungepflegt aus, Kleidung und Haut sind total schmutzig. Offensichtlich ist hier nur einmal im Jahr Badetag. Schliesslich treffen wir auf einen jungen Moenchsnovizen in roter Kutte mit mp3-Player, ein lauter Beat droehnt aus seinen Ohrhoerern. Er fuehrt uns in ein kleines, offenbar nicht bewohntes Kloster und wir sind voller ehrfuerchtiger Erwartung, den tibetischen Buddhismus kennenlernen zu duerfen, mit seiner erhabenen Weisheit, ein Bild, das wohl die moisten Menschen vor Augen haben, die den sympathischen Dalai Lama aus den Medien kennen. Die religioesen Staetten der Tibeter wurden groesstenteils durch die Chinesen zerstoert, und so gibt es nur noch einige erlesene Anlaufpunkte fuer interessierte Reisende. Das Moenchlein schliesst die Pforte auf, wir trappsen in respektvollem Abstand hinterher durch einen Gang. Er schliesst das naechste Tor auf, schreitet voran, ohne einen Blick zurueck, alles wirkt so theatralisch wie aus einem Hollywoodfilm. Die Prozedur wiederholt sich noch zweimal, als wir unser Ziel erreichen, die heilige Grotte, die nur mit eingezogenem Kopf betreten werden kann. Zwei Euro Eintritt will der Moench haben, vor der Grotte steht auch noch ein undezent auffaelliges Gefaess, wo man ueberzaehliges Geld zuruecklassen kann. Die Grotte fuehrt einmal im Kreis um einen Betonpfeiler, ca. fuenf Meter, das war’s. Ein Kellerraum, der an eine Felswand angebaut wurde. Stolz zeigt der Moench den ‘Fussabdruck’, naja, eher einen leicht ausgehoehlten Felsbrocken, und erklaert sachkundig: “Footprint”. Hier hat Buddha, wie an einigen anderen Stellen in Tibet reingetreten, der Mann waere der Albtraum eines jeden Estrichlegers gewesen. Ebenso zu bewundern: Ein Stapel Neonroehren in dem finsteren Kellerloch erinnert an den heimischen Kartoffelkeller. Susi ruft erstaunt aus: ”He, das ist ja ein Keller!” und erwaegt, unsere Garage im Hang auch zur Besichtigung freizugeben, gegen anstaendig Eintritt, versteht sich. Die Erleuchtung kommt fuer uns zu spaet, wir wurden wieder geprellt. Am Abend spueren wir bereits leichte Symptome von Hohenkrankheit, wir koennen schlecht schlafen und haben ein leichtes Druckgefuehl im Kopf. Km: 23 Tag 255 (12.04.2010) Nyalam – Shegar Ich bin 40 – Schiebt mich ueber den Pass Zum 40. Geburtstag gibt’s einen 5000er, und wenn ich schlapp mache, kann ich’s jetzt auf’s Alter schieben. Frueh am Morgen brechen wir auf, eine lange Etappe mit vielen Hoehenmetern steht uns bevor. Es ist kuehl, aber der Sonnenaufgang bietet ein prachtvolles Farbenspiel auf den schneebedeckten Gipfeln des Himalayas. Bunt geschmueckte, mit Deckchen und Wimpelchen verzierte chinesische Harley-Davidson-Nachbauten, die an der Landstrasse vor dem Hintergrund von Fels und Wueste stehen, erinnern an den Film ”Easy Rider”, den man hier offensichtlich neben den Wildwestfilmen heimlich anschaut. Als wir kurz Rast machen, kommt ein Radler in unsere Richtung gefahren. Wir sind erstaunt, ueblicherweise radelt man von Lhasa nach Nepal, wie weniger anstrengende Richtung. Der Kollege stellt sich als Duncan vor und ist Australier, was unschwer an der Fahne zu erkennen ist, die er ueber seinem Rucksack befestigt hat. Wie wir spaeter im Internet lesen, ist Duncan der ersten West-Australier, der den Mount Everest bestiegen hat. Jetzt sind Beruehmtheiten unter sich, immerhin sind wir auch die ersten West-Achsheimer, die nach Tibet geradelt sind. Duncan erweist sich als unterhaltsame Gesellschaft, und so fahren wir zusammen weiter und erzaehlen uns Reiseanekdoten. Er ist von Indien aus in Meereshoehe gestartet und unterwegs in Richtung Mount Everest, wo er eine Expedition leitet, die ihn nocheinmal auf den hoechsten Berg der Welt fuehren wird. Sea to Summit im Fachjargon, also aus eigener Kraft von 0 auf ueber 8000 Meter. Der Begeisterte Bergsteiger, der auf den Pedalen nicht ganz so flott ist, (betonterweise, um Hoehenkrankheit zu vermeiden…), leitet mehrere Agenturen, die Trekking- und Bergsteigertouren organisieren. Entsprechend professionell hat er auch ein Begleitfahrzeug mit mehreren Tibetern, die ihn alle paar Kilometer mit Wasser und Proviant versorgen und sehr um sein Wohlergehen besorgt sind. Regelmaessig testet er den Blutsauerstoffgehalt mit einem Pulsoxymeter. Wir probieren’s auch und freuen uns, dass wir noch leben und mit den Werten recht gut abschneiden. Duncan, der sich mit Sportmedizin auszukennen scheint, empfiehlt zwar generell, gemaechlich zu fahren, auf den Gipfel aber schnell hinauf und auch wieder schnell herunterzufahren, um der extremen Hoehe nur kurz ausgesetzt zu sein, da wir, wie er, noch nicht angepasst sind. Mit jedem Stueck Steigung merken wir, wie die Luft duenner wird und ich aeussere den Verdacht, dass wir bereits in die Ionissphaere vordringen. Auf ueber 5000 Metern liegt die Sauerstoffdichte der Luft nur noch bei rund 45%, verglichen mit Meereshoehe. Wir gewoehnen uns an, ganz bewusst zu atmen, kurz und tief ein, lange aus. Sobald einer aus dem Rhythmus kommt, weil er z.B. schlucken muss, bleibt die Luft weg und hektisches Keuchen folgt. Nachdem Duncan nach einer Pause zurueckbleibt, fuehlt Susi sich ploetzlich komisch, wohl erste Hoehensymptome. Wir beeilen uns, die letzten Kilometer zum Gipfel zurueckzulegen, wir wuerden Duncan ja oben wiedersehen, wo sein Begleitfahrzeug auf ihn wartet. Leider treffen wir ihn nicht mehr, denn Susis Beschwerden werden schlimmer und wir beschliessen, auf der anderen Seite moeglichst schnell wieder runter ins Tal zu fahren. Auf 5100 Meter sehe ich einen grauen Hasen herumhoppeln, vermutlich einer der heimischen Pfeifhasen, und das erste Tier, das mir hier oben begegnet. Ausser einigen Raubvoegeln sieht und hoert man auch keine Voegel mehr. Ich bin mir sicher, dass der Hase keine Halluzination wegen Sauerstoffmangels ist. Susi hat bei all dem Gekeuche kein Verstaendnis fuer meinen Enthusiasmus fuer Kleintiere. Zu unserer Beunruhigung traegt auch bei, dass die Beutel mit unseren Muesliriegeln, abgepackt auf normaler Hoehe, nun zum Platzen aufgeblaeht sind. Wir ueberqueren einen Pass im Fast-Vakuum! Ueber der Kuppe, vorbei an Duncans Supportern, sehen wir schon, dass die Abfahrt nicht tief wird, bevor es erneut nach oben geht. Wir sind im Tibetischen Hochland, alles befindet sich mehr oder weniger auf einem Hochplateau, so dass es so aussieht, als befaende man sich im Tal und rundherum seien Berge bis 4000 Meter Hoehe. Das sind allerdings die 8000er und das ’Tal’ liegt etwa auf Grossglocknerhoehe. Die Ereignisse ueberschlagen sich jetzt fast, Susis Haende werden bei der Abfahrt taub, dann die ganzen Arme. In der Senke, wir sind nur 300 Meter runtergekommen, setzt Susi sich hin, die Haende auf fast doppelte Groesse angeschwollen, der Kreislauf kollabiert. Ich will gerade im einzigen Gebaeude, einer Firma, fragen, ob ich unseren Guide anrufen darf, als genau dieser genau in diesem Moment mit seinem Wagen vor uns haelt. In Momenten wie diesen faellt es manchmal schwer, nicht an ein Eigenleben dieser Reise zu glauben. Gekonnt massiert der Reisefuehrer Susis Haende, die nun langsam auf Originalgroesse zurueckschrumpfen. Probleme dieser Art kenne er gut von vielen Trekern und auch er selbst habe manchmal Kopfschmerzen von der Hoehe. Ich denke mir, es koennte auch daran liegen, dass der gute Mann dem Bier nicht abgeneigt ist. Auch im Auto genehmigt er sich eins – soll er nur, er muss ja nicht selber fahren. Schliesslich machen wir, was wir nur tun, wenn a) die Polizei uns zwingt b) ein technischer Totalschaden am Fahrrad vorliegt c) abstrakte Lebensbedrohung besteht, oder d) uns gesundheitliche Gruende dazu zwingen: wir steigen ins Auto ein und fahren 120 Kilometer mit. Ein ungutes Gefuehl stellt sich dennoch ein, aber die Gesundheit geht vor. Mr. Sonam raet uns, eine Station und die folgende Etappe zu ueberspringen, so koennten wir noch einen Pausentag zum aklimatisieren einlegen. Wir willigen ein und Susi bereut’s sogleich schon wieder. Ein wenig ueberrascht sind wir, als wir erfahren, dass unser Guide Tibeter ist und ein Anhaenger des religioesen Fuehrers, des Dalai Lama. Obwohl es China ja stets ein Dorn im Auge ist, wenn Auslaender pro-tibetische oder gar anti-chinesische Tendenzen aufnehmen (rein politisch gesprochen), schickt man uns einen Vertreter der rebellierenden Tibeterfraktion als Aufpasser. Dieser wettert eifrig gegen das Besatzerregime und stellt hoffnungsvoll in Aussicht, dass Tibet eines Tages wieder frei sein wird. Eines Tages wird wohl auch Lindau wieder von den Bayern befreit sein, und kulturelle wie sprachliche Autonomie geniessen. “Free Lindau – woisch, Spaetzle fuer alle!” In Shegar angekommen, wird die win-win-Situation offenbar, das Guesthouse mit Lokal wird von unserem Fuehrer gefuehrt. Ein kleines Nebengeschaeft also, und er ist sichtlich froh, einen freien Tag mit seiner Familie verbringen zu koennen. Schoen und gut, aber koennten wir bitte unsere taegliche Gebuehr wiederhaben? Der Raum ist winzig, in ihm befindet sich nur ein Bett und durchgetretener Laminatboden. Das Gemeinschaftsklo erreicht man ueber den Hof und das Essen im Lokal, wo die Belegschaft beim froehlichen Kartenspiel den Bierumsatz ankurbelt, bekommen wir nur mit viel Hunger runter. Auch der Chauffeur des Guides arbeitet hier rein zufaellig als Schankkellner. Wir schlafen heute immer noch sehr schlecht und haben drueckende Kopfschmerzen. Wetter: mild km: 64 Tag 256 (13.04.2010) Shegar Heute wollen wir nur ein bisschen locker rollen, damit die Kondition nicht einschlaeft. Wir starten in Richtung der naechsten Etappe und durchqueren einige Doerfer. Die Haeuser sind alle ziemlich gleichartig und stammen auch etwa aus der gleichen Zeit. Vielleicht gab es hier eine chinesische Baukampagne. Der tibetische Baustil gefaellt uns sehr gut, die Haeuser sind massive Steinbauten mit trutzigen Holzbalken, ein- oder zweistoeckig, breit, oft hufeisenfoermig und wunderbar bunt bemalt. Schoen ist, dass auch Neubauten in traditionellem Stil gehalten sind. Als wir hungrig werden, kehren wir in einem Teehaus ein, meist die einzigen Restaurants und in etwas groesseren Orten zu finden, zu erkennen ganz einfach am Vorhang vor der offenen Tuer. Kern der Stube ist stets ein staehlerner Ofen zum Aufwaermen, auf dem auch gekocht wird. Drumherum sind wunderbar kunstvoll geschnitzte und bunt bemalte Holzbaenke mit Sitzkissen und laengliche Tische im gleichen Stil angeordnet. Neben dem beruehmten tibetischen Buttertee* gibt es typisch tibetische Speisen wie Thugpa (Nudelsuppe) oder Momos (Teigtaschen mit Fleischfuellung). Die Wirtsleute, in traditioneller Tracht gekleidet, nehmen uns herzlich auf. Rund um den Ofen wohnen und schlafen sie auch, fehlen darf natuerlich auch nicht der Fernsehschrein. Man kuckt begeistert traditionellen Volkstanz, eine Art tibetischer Musikantenstadl. Auf dem Rueckweg kommen wir vorbei am Schild, das zum Mount Everest Base Camp fuehrt, zentraler Ausgangspunkt fuer die suendhaft teuren und kommerziell organisierten Besteigungen und beliebte Sehenswuerdigkeit fuer Touristen. Wir sind nur froh, dass wir nicht ueber den hoechsten Berg der Welt radeln muessen. Ein starker Gegenwind stellt sich ein, der sich mehr und mehr zu einem richtigen Sandsturm ausweitet. Kaum koennen wir die Raeder noch halten, sogar Steine fliegen uns entgegen und kullern seitlich ueber die Strasse. Zurueck im Ort, haengt eine duestere Sandwolke bedrohlich ueber uns am Himmel. Wir gehen noch einkaufen, die Preise sind recht guenstig. Auch erwerben wir jetzt eine Dose Sauerstoff zum Inhalieren fuer kuenftige Notfaelle. *Anmerkung: Manche lieben ihn, die meisten Reisenden verabscheuen ihn aber, da er wie eine Suppe fettig und salzig schmeckt. Wenn sie ihn brav ausgetrunken haben, wird zur Belohnung immer wieder nachgeschenkt, ein Teufelskreis. Fuer uns Radler ist er aber genau richtig, er spendet Kraft und gleicht den Salzverlust beim Fahren aus. Wetter: Sandsturm km: 42 Tag 257 (14.04.2010) Shegar - Lhaze Heute tritt unser neuer Guide in Aktion, Chickmi, ein sympathischer junger Mann Anfang 20, der neue Fahrer wie auch der Kleinbus sind gleichermassen aelteren Semesters. Chickmi spricht besser Englisch und ist sichtlich stolz auf seinen Beruf, er nimmt seine Aufgabe auch sehr ernst. So haelt der Bus immer wieder am Strassenrand und der Guide zeigt uns Sehenswertes, erklaert und erkundigt sich ueber unser Wohlbefinden. Wir sind das gar nicht gewohnt. Wir ernten auch Lob, er hatte schon mal eine Fahrradgruppe, wir seien aber viel schneller. Unser zweiter 5000er steht uns heute bevor und aus rein medizinischen Gruenden genehmigen wir uns vorher ein Bierchen, da das Blut in grosser Hoehe zum verdicken neigt und Alkohol bekanntlich blutverduennend wirkt. Und siehe da – es funktionert, wir bezwingen den Gipfel ohne Beschwerden und haben auch weniger Stress. Der Gipfel ist mit hunderten bunter Gebetsfahnen geschmueckt und wir koennen unsere eigenen dort anbringen, die der Gebetsfahnenverkaeufer gleich vor Ort dort anbietet.* Man wird sehen, ob sie uns Glueck bringen. Nach einer unendlich langen Abfahrt machen wir Rast an einem Berghang und haben das Glueck, eine Gruppe wilder Gazellen zu erspaehen, die behende ueber das Schiefergestein springt. Spaeter werden wir in einem kleinen Teehaus zu suessem Milchtee eingeladen, unsere Gastgeber beaeugen uns stolz und neugierig. Auch wenn wir uns nicht verstaendigen koennen, finden wir uns hier in einer geselligen Runde wieder. Neben der Strasse vermitteln einzelne Schneefelder einen winterlichen Eindruck, obwohl die Temperaturen tagsueber sehr mild sind. Von der Seite erkennen wir an den unterschiedlich verschmutzten Lagen, dass die Schneereste von mehreren Jahren liegen geblieben sind. Unser neuer Guide ist stets bemueht, uns guenstige Lokale zu suchen, auch am Abend in Lhaze fuehrt er harte Preisverhandlungen mit den Hotelbesitzern. Erst als alles geregelt und vorbereitet ist, sollen wir nachkommen. Solch ein Komfort ist nach einem anstrengenden Radltag sehr willkommen. Das erstaunlich grosse Hotel hat schon bessere Tage gesehen, die Teppiche auf den Treppen spannen sich lose ueber die Stufen und bilden tueckische Stolperfallen. Die einst prunkvolle Lobby ist ziemlich heruntergekommen, viele der Fensterscheiben sind gesprungen und nie ersetzt worden, groessere Loecher wurden mit Pappe zugeklebt. Alles in allem koennte das Hotel direkt dem Film ’Goodbye Lenin’ entsprungen sein. Das Zimmer mit drei grossen Betten sieht zunaechst komfortabel aus, hat aber kein Bad. Zum Waschen gibt’s mal wieder ’Potschamperl’. Die Toilette findet man ueber einen langen Korridor etwas ausserhalb des Gebaeudes. Man hatte uns schon davon berichtet, nun sehen wir es mit eigenen Augen: Bei den Chinesen ist auch das stille Oertchen ein gesellschaftlicher Treffpunkt. Es gibt drei Abteile nebeneinander, auf Tueren verzichtet man ganz und die Trennwaende sind so niedrig, dass man prima mit dem Nachbarn ratschen kann. In der Mitte am Boden jedes Abteils befindet sich ein rechteckiger Spalt, darunter eine Art schraege Rutschbahn, die leider nicht schraeg genug ist (das sieht man und das riecht man). Spuelung und Kanalisation braucht man nicht. Die Enddeponie grenzt unmittelbar an die Rutsche an. Der Vorteil: man braucht nur den Fliegen zu folgen, dann findet man das Klo. Der alte Witz koennte von hier stammen. In tibetischen Staedten soll es laut Reisefuehrer des oefteren Badehaeuser geben, wo man heiss duschen kann, die aber manchmal etwas grottig sein sollen. Chickmi ist so nett und begleitet uns zu einer solchen Einrichtung, die sich in den hinteren Raeumen eines Friseursalons befindet. Die Duschkabinen sind gross und ordentlich, und weil wir ausser uns auch unsere Waesche waschen und das ganze dadurch ein paar Minuten laenger dauert, haemmert die Betreiberin wie verrueckt gegen die Tuer, etwas unverstaendliches aber unmissverstaendlich unfreundliches auf Chinesisch rufend. Wieder auf der Strasse, fallen uns einige zwielichtige Gestalten auf, die wartend herumsitzen oder vielmehr liegen. Wie wir feststellen, handelt es sich um fleissige Tageloehner, die auf moeglichst kurzfristige Beschaeftigung hoffen. Speziell in dieser Stadt machen die meisten Menschen einen verwahrlosten Eindruck auf uns. *Anmerkung: Boese Zungen** sprechen von einem regen Gebetsfahnenrecycling ** Anm.: Susi Km: 82
16.8.10 16:46





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